Der etwas andere Politiker

tatsacheJón Gnarr ist kein gewöhnlicher Politiker. Keiner von denen, deren Karriere bereits im Alter von 14 Jahren mit dem Eintritt in eine politische Jugendorganisation beginnt und nach dem Jura-Studium ihren ersten Höhepunkt erreicht. Mit 14 hat Gnarr gerade die Schule abgebrochen und wurde von seinen Eltern in ein Internat für schwer erziehbare Jugendliche geschickt. Statt eines Studiums der Rechtswissenschaften veröffentlichte er mit 19 Jahren seinen ersten Roman und wenige Monate später wurde er zum ersten Mal Vater. Irgendwann, Anfang der 1990er Jahre, entdeckte Gnarr dann seine Liebe zur Comedy. Von Fernsehserien über Radiotelefonscherze bis hin zu Kolumnen und Stand-up-Comedy - Gnarr machte Karriere als Komiker. Und: der ehemalige Punk kam an.

Der Isländer, mittlerweile ein landesweit bekannter Komiker, Buchautor und Vater von fünf Kindern, schien in seinem Leben angekommen zu sein. Und dann kam es doch noch einmal anders. Für eine Sketchsendung entwarf Gnarr das Konzept der “Besten Partei” (Besti flokkurinn) und mit ihr den schleimigen Politiker, der seinen Wählern alles verspricht. Gnarr mochte diese Politikerfigur mit der Zeit so sehr, dass er auch nach dem Bankencrash und den zahlreichen Demonstrationen vor dem isländischen Parlament an ihr festhielt. Anstatt im Fernsehen warb er nun auf Youtube und einer eigenen Website für die Beste Partei. Ihr Wahlkampfslogan lautete:  “Warum die zweitbeste wählen, wenn Sie die beste haben können?”

Aus dem einstigen Spaß wurde Ernst, als sich Gnarr entschied, 2010 an den Wahlen zum Oberbürgermeister für die isländische Hauptstadt Reykjavik teilzunehmen. Mit Wahlzielen wie einen Eisbär für den städtischen Zoo, kostenlosen Handtüchern in den Schwimmbädern, einem drogenfreien Parlament bis 2020 oder offener anstatt heimlicher Korruption. Doch nicht nur der Spitzenkandidat und die Partei sind anders als man es sonst kennt. Auch der Wahlkampf war besonders. Keine Spenden, keine Wahlplakate und keinerlei Diskussionen mit den anderen Spitzenkandidaten. Von den Profipolitikern belächelt, stellte Gnarr sich seine Liste zusammen. Den Punk Ottarr Proppe, den Bassisten Björn Blöndal und die Jüdin Elsa Yeoman beispielsweise. Und Gnarr gewann. 34,7 Prozent der Stimmen bei den Stadtratswahlen und das Amt des Oberbürgermeisters. Davon abgesehen ist der Isländer auch auf nationaler Ebene politisch aktiv und damit genau da angekommen, wo jener Klischeepolitiker und Vorzeigejurist von Beginn des Artikels heute wohl auch gelandet wäre. In diesem Sinne – “Welcome to the revolution!”, wie Gnarr es ausdrücken würde.

Jón Gnarr (2. v.r.) und sein Team
Photo: fridgeirsson
Der etwas andere Politiker
Photo: Aleksandar Radulovic

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Hier geht’s zur Facebook-Seite von Jón Gnarr.

Die Homepage der “Besten Partei” findet ihr hier.



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