Politischer Wechsel in Indien

WeltpolitikNarendra Modi hätte sein Leben beinahe als Teeverkäufer verbracht. Als eines von sechs Kindern eines Teestandbesitzers wuchs er im Distrikt Mahesana in Indien auf. Anstatt jedoch früh zu heiraten, wie es seine Eltern, die ihn bereits mit 13 Jahren verlobt haben, für ihn vorgesehen hatten, kam bei Modi einiges anders. Der heute 63-Jährige studierte Politikwissenschaft und begann seine politische Karriere bei einer rechtsextremen Hindu-Organisation, der Rashtriya Swayamsevak Sangh. In den 1990er Jahren trat Modi dann der Bharatiya Janata-Partei (BJP) bei und stieg bis zum Chief Minister, also Regierungschef, des Distrikts Gujarat auf. Seine Abneigung gegenüber Muslimen blieb aber auch nach seinem Austritt aus der Rashtriya Swayamsevak Sangh bestehen. Und Modi tat diese selbst im Regierungsamt noch öffentlich kund. Das ist insbesondere deshalb problematisch, da in Indien über 138 Millionen Muslime leben.

Ausschreitungen gegen Muslime

Im Jahr 2002 kam es in Modis Distrikt Gujarat zu religiös motivierten Ausschreitungen, bei denen über 1.000 Muslime ums Leben kamen. In politischen Studien werden diese Ausschreitungen als Pogrome bezeichnet. Das heißt, dass sie damals wahrscheinlich staatlich gelenkt worden sind. Welche Rolle Modi bei diesen Ausschreitungen spielte ist nach wie vor ungeklärt.
Der 63-Jährige präsentierte sich während seiner Zeit als Gouverneur von Gujarat aber auch als Macher. Keine leichte Aufgabe, denn im gesamten Land werden Straßen und Stromleitungen gebraucht. Außerdem findet sich überall in Indien Korruption und die Lebensmittelpreise sind sehr hoch. Modi will gegen diese Missstände vorgehen, für die vor allem die zuvor amtierende Kongresspartei der Ghandi-Familie verantwortlich gemacht wird.

 

Modi als Spitzenkandidat bei den Parlamentswahlen 2014

Bei den Parlamentswahlen von 2014 trat Modi deshalb als Spitzenkandidat für die BJP an – und gewann. Vor der Wahl hatte er zuvor, nicht zuletzt angesichts der zahlreichen muslimischen Wähler, versichert, dass er als Regierungschef für alle Inder sorgen wolle. Im Wahlkampf spürte man also nichts mehr von seiner Abneigung gegen die Muslime. Am vergangenen Montag wurde Modi als indischer Premierminister im Parlament in Neu Delhi vereidigt. Zuvor hatte seine Partei, die Hindu-Nationalisten der BJP die Wahlen für die Lok Sabha, also das Unterhaus des gesamtindischen Parlaments, klar gewonnen.

Absolute Mehrheit für BJP

Das indische Wahlergebnis ist deshalb etwas besonderes, weil es seit 30 Jahren in Indien keiner Partei mehr gelungen ist, die absolute Mehrheit, also mehr als 50% der Sitze im Parlament, zu erreichen. Die BJP war bisher die größte Oppositionspartei, während die zuvor regierende Kongresspartei eine herbe Niederlage einstecken musste. Immerhin waren sie die meiste Zeit seit der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 an der Regierung – nun stellen sie nur noch 44 Abgeordnete von insgesamt 543. Sie haben somit 162 Sitze verloren.


Größte Wahl der Menschheitsgeschichte

814 Millionen Einwohner waren aufgerufen, zur Wahl zu gehen. Weil mehr als eine halbe Milliarde Menschen dem Aufruf folgte, handelte es sich dabei um die größte Wahl der Menschheitsgeschichte. Die Wahlbeteiligung lag bei 66% und war damit so hoch wie nie zuvor. Die Wahl fand von 7. April bis 12. Mai statt. Was für uns kaum vorstellbar ist, ist in Indien bereits Realität: Gewählt wurde nämlich nicht mit Stift und Papier sondern per Knopfdruck auf einer elektronischen Wahlmaschine. 1,8 Millionen von diesen Wahlmaschinen waren in über 900.000 Wahllokalen im ganzen Land im Einsatz. Wer wissen will, wie die elektronischen Maschinen genau funktionieren, findet hier in einer Woche mehr in der Rubrik “Tatsache!” – da beschreiben wir die Electronic Voting Machines für euch genauer.

Positive Zukunftsaussichten

Die Inder hoffen mit dem ehemaligen Teeverkäufer Modi nun auf Wachstum und Entwicklung. Genau das traut man dem unternehmerfreundlichen Reformer nämlich zu. Denn nach Gurajat konnte er bereits zahlreiche finanzstarke Investoren locken und die Verwaltung entbürokratisieren. Enge Vertraute sagen über ihn, dass er jeden Tag 5 Stunden schläft und den Rest des Tages arbeitet. Gute Voraussetzungen also, für einen Wandel in Indien, wie sich bereits kurz nach der Wahl zeigte. Die Börse legte am Tag der Auszählung nach großen Kursgewinnen um weitere 0.9% zu.

Tag der Auszählung
Narendra Modi freut sich mit seinen Anhängern über die erste Prognose der Wahlergebnisse am 21. Mai.| Photo: Narendramodiofficial
Wahlkampf
Modi spricht auf einer Wahlkampfkundgebung in Maharashtra.| Photo: Narendramodiofficial
Amtseinführung
In einer öffentlichen Zeremonie wurde Modi am 26. Mai in Neu Delhi vereidigt.| Photo: Narendramodiofficial
Parlament
Die Abgeordneten des indischen Unterhauses wurden von April bis Mai gewählt.| Photo: williwonker

 

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